00:01
Ein Mädchen, das allein Geburtstag feiert. Eine Reise, die in einem Albtraum endet. Und eine Frau, die Säcke mit Kleidung in eine Mülltonne wirft. Heute bei Spurlos.
00:26
Bist du entspannt? Ich bin sehr entspannt, Julia.
00:30
Und du?
00:31
Ich bin gar nicht entspannt.
00:32
Ich war im Wellnesshotel. Gut, das klingt jetzt aber wirklich seltsam.
00:36
Ich weiß, aber das ist genau mein Problem, was ich dir mitteilen wollte. Ich war mit zwei Freundinnen im Wellnesshotel. Und ich war guter Dinge. Weil ich kenne mich ja, ich war eigentlich bisher noch nie im Wellnesshotel.
00:51
weil ich mich da einfach nicht so entspannen kann. Also ich kann super irgendwo am Meer sitzen. Ich kann da auch stundenlang wirklich nur auf den Horizont gucken und gucken, ach, ist jetzt Elbe oder Flut. Das kann ich super. Aber diese Behandlungen, stehst du da drauf?
01:08
Also ich finde das ganz angenehm. Da kann ich also abschalten und ich finde es super.
01:12
Du offensichtlich? Nichts. Ich bin wirklich, wirklich motiviert gewesen, das diesmal gut zu finden. Aber ich weiß nicht, was das ist. Sobald die zum Beispiel irgendwas, also jetzt nichts gegen diese tolle Mitarbeiterin, die hat das super gemacht, um Gottes Willen, falls sie uns hört. Das hat nur mit mir zu tun. Das ist alles meine Baustelle. Die macht dann zum Beispiel so Entspannungsmassage im Gesicht, ne?
01:37
Und anstatt, dass ich einfach entspanne, denke ich, oh, jetzt juckt es mich aber am linken Nasenflügel. Und anstatt mich dann einfach zu kratzen, bin ich damit beschäftigt, dass sie dann aber bestimmt enttäuscht ist, weil sie ja dann merkt, oh, sie ist ja gar nicht entspannt, weil sie kratzt sich ja noch am Nasenflügel. Und ich bestehe dann nur noch aus juckendem Nasenflügel. Das habe ich dann eine Minute. Dann denke ich, irgendwie würde ich wahnsinnig gern mein Bein jetzt anders hinlegen.
02:05
Aber aus dem gleichen Grund, um sie nicht zu riskieren oder aus ihrem Ding da rauszubringen, mache ich das dann nicht. Oder dann ist dann da so ganz so Klang, Schalen, Musik und so, was ich auch schön finde. Aber dann ist da irgendein absurdes Geräusch im Hintergrund, irgendwo aus dem Hotel. Und das hört man.
02:22
hörst du natürlich.
02:23
Ich höre nur dieses Geräusch. Und dann denke ich, auch sie hört das, aber in unserer Stille versuchen wir das beide zu überspielen. Aber ich meine zwischen uns zu hören, dass wir beide denken, oh nein, ist das laut, dieses Geräusch. Mit all so Dingen bin ich beschäftigt. Dann wickeln die mich da so in so ganz viel Heu ein, was ich eh schon höchst unangenehm finde. Die Arme sind gepuckt wie bei so einem Baby. Und ich denke die ganze Zeit, okay, 20 Minuten, jetzt haben wir aber 8,5 Minuten schon geschafft, oder?
02:54
Und sie verlässt da den Raum.
02:55
Und das Nächste, was ich denke, würden die mich holen, wenn es brennt? Okay, ich verstehe jetzt ungefähr. Was du meinst und wieso du heute nicht entspannt bist. Nein, ich bin nicht entspannt. Ich meine, spätestens jetzt meine Freundinnen hören meinen Podcast. Die sind ganz begeistert und ich denke so, ja, lass essen gehen jetzt und abhol trinken oder keine Ahnung. Ja, dann war ich erst mal wieder zu Hause, habe nichts gemacht. Also man wird alt wie ein Haus und lernt über sich doch immer noch neue Dinge.
03:25
Das nächste Mal mache ich keinen Wellnessurlaub mit den Mädels, da mache ich einfach einen Städteurlaub und sitze irgendwo im Café gemütlich. Das ist dann eher meins, da entspanne ich dann sehr. So ist es. So Silvie, zu unserer heutigen Geschichte.
03:42
Heute erzählt uns Leni ihre Geschichte und es ist die Geschichte einer großen Sehnsucht, aber auch die Geschichte von Krankheit, von Verlust, von Einsamkeit und einem Leben voller Unsicherheit. Und egal wie schwer ihr Weg war, Leni hat die Hoffnung nie ganz aufgegeben, dass es irgendwo einen Menschen gibt, der zu ihr gehört und der Antworten auf die Fragen hat, die sie ihr Leben lang begleitet haben.
04:09
Es ist tiefster Winter und es ist kurz vor Weihnachten. Draußen ist es eiskalt und es schneit. Eine junge Frau kommt nach Hause. Sie ist schmal und blass und in eine dicke Winterjacke gehüllt. Schneeflocken hängen ihr noch in den Haaren. Sie schließt die Haustür hinter sich und ruft ein leises Hallo in den Flur. Keine Antwort.
04:33
»Bist du da?«, ruft sie noch einmal, während sie die Jacke auszieht und den Schnee von ihrer Mütze streift.
04:41
Die junge Frau heißt Leni. Sie hängt die Jacke an die Garderobe und bleibt einen Moment lang still stehen. Dann geht sie langsam durch den Flur ins Wohnzimmer. Dort sitzt eine ältere Frau auf dem Sofa. Der Fernseher läuft, doch die Frau starrt an die Wand. Leni bleibt kurz in der Tür stehen. »Hallo«, sagt sie leise.
05:04
Die ältere Frau reagiert nicht. Sie schaut weder auf, noch wendet sie den Kopf. Es wirkt, als hätte sie Lenis Kommen überhaupt nicht bemerkt oder als wolle sie es nicht bemerken. Leni scheint das seltsame Verhalten der älteren Frauen nicht zu irritieren. Ruhig sagt sie, dass sie sich in der Küche noch ein Brot machen wolle.
05:25
In diesem Moment dreht sich die Frau auf dem Sofa langsam zu Leni um und sieht sie an. Leni zuckt zusammen. Sie kennt diesen Blick. Die Frau sagt etwas, knapp und scharf. Leni antwortet ruhig, fast vorsichtig.
05:40
Doch die Frau ist plötzlich außer sich. »Raus«, ruft sie. Sie springt vom Sofa auf, geht auf Leni zu, packt sie am Arm und drängt sie grob durch den Flur zur Haustür. Leni versucht noch etwas zu sagen, doch die Frau lässt sie nicht zu Wort kommen. Sie öffnet die Türe und stößt Leni hinaus in die eisige Dezembernacht. Die Tür fällt ins Schloss. Leni bleibt einen Moment stehen, als müsste sie erst begreifen, was da gerade passiert ist.
06:10
Dann bewegt sie sich langsam vom Haus weg, Schritt für Schritt durch den Schnee, ohne sich noch einmal umzudrehen. Leni ahnt nicht, dass dieser Streit gerade eben der Auftakt zu einer großen Suche ist.
06:24
Es wird allerdings noch ein paar Jahre dauern, bis sie versuchen wird, den Menschen zu finden, um den es da gerade ging. Um den es vielleicht immer ging. Dieser Mensch, der spurlos verschwunden ist und von dem niemand weiß, ob er noch lebt. Leni geht weiter.
06:43
In den hell erleuchteten Fenstern der Häuser hängen Weihnachtsterne und Kränze. Hinter den Gardinen sitzen Familien beim Abendessen oder stehen in warmen, erleuchteten Küchen. Es ist der 22. Dezember, zwei Tage vor Heiligabend.
07:05
Leni läuft einfach weiter, ohne zu wissen, wo sie die Nacht verbringen soll. Aber sie kennt das Gefühl, etwas zu verlieren. Und sie kennt auch das Gefühl, nicht gewollt und nicht willkommen zu sein.
07:17
Für mich ist Trauer und Schmerz ein ewiger Begleiter. Und wenn ich dann etwas Glück empfinde, tut es halt fünffach so weh, wenn es halt wieder weg ist.
07:31
Trauer und Schmerz begleiten Leni schon so lange, sie weiß gar nicht genau, wie ein Leben ohne diese Gefühle eigentlich wäre. Sie sind zum festen Teil ihres Alltags geworden. Nach außen wirkt diese Leni ruhig und niemand würde vermuten, was eigentlich los ist oder wie es in ihr aussieht und vor allem, was auch schon hinter ihr liegt. Leni hat gelernt, Enttäuschung auszuhalten, Verluste hinzunehmen und sich vor allem immer wieder ganz alleine durch schwierige Situationen zu kämpfen.
08:03
Aber diesmal ist es anders.
08:05
Leni wird 1989 in Bielefeld geboren. Wenn sie sich heute an ihre Kindheit zurückerinnert, dann denkt Leni vor allem an Angst, an Schmerzen und an die ständige Präsenz einer schweren Krankheit, die schon sehr früh ihr Leben bestimmt hat.
08:20
Schon als kleines Kind verbrachte Leni viel Zeit in Arztpraxen und Krankenhäusern. Untersuchungen, Medikamente und Fahrten im Rettungswagen mit Blaulicht und Sirene gehörten für sie zum Alltag, lange bevor sie überhaupt verstehen konnte, warum ihr Leben so anders verlief als das vieler anderer Kinder.
08:39
Meine ersten Kindheitserinnerungen haben ungefähr angefangen, da war ich so vier, fünf so wirklich. Und die meiste Zeit habe ich immer in Krankenhäusern verbracht, weil ich eine schwere Form der Epilepsie hatte. Man nannte das das Lennox-Syndrom.
08:59
Das ist meistens immer in der Nacht aufgetreten und hat dazu geführt, dass der komplette Körper halt gelähmt war und man nichts außer seine Augen bewegen konnte.
09:13
Ja, das müssen wir einmal einordnen. Dieses Lennox-Syndrom, das ist eine seltene und schwere Form der Epilepsie und das beginnt eben oft schon im Kindesalter. Die Kinder leiden unter häufigen epileptischen Anfällen und diese Anfälle können eine Muskelversteifung des ganzen Körpers zur Folge haben.
09:32
Leni beschreibt es ja. Also sie konnte, nachdem sie einen Anfall hatte und dann völlig steif wurde, nur noch die Augen bewegen. Die Erkrankung gilt als sehr schwer behandelbar und viele Patienten bekommen, obwohl sie Medikamente nehmen, auch weiterhin diese Anfälle.
09:49
Es gibt auch mögliche Ursachen natürlich für so eine Erkrankung, zum Beispiel Sauerstoffmangel bei der Geburt, genetische Veränderungen oder Stoffwechselerkrankungen. Bei einem Viertel der Betroffenen lässt sich aber letztendlich keine eindeutige Ursache feststellen. Bei Leni ist klar, wie es zur Erkrankung kam. Die Ursache ist in ihrem Fall gut dokumentiert und die Ärzte sind sich da einig.
10:15
Der Auslöser war, dass meine Mutter mich im ungefähr Alter von 1, fast 2 in so ein G freigesetzt hat, wo man so mit rumlaufen kann und vergessen hatte, die Tür zu schließen. Und ich bin dann zwei Stockwerke, Steintreppen runtergeknallt und hatte einen sehr schweren Hirnschädeltrauma. Aufgrund dessen ist das ausgelöst worden.
10:44
Hätte ich jetzt als Laie gar nicht vermutet, dass man das durch so einen Sturz bekommen kann. Wahnsinn. Und so beginnt eben ihr Leidensweg mit diesem schweren Sturz als Kleinkind. Die Nächte werden für sie zu etwas Bedrohlichem. Oft hat Leni Angst einzuschlafen, weil sie ja nie weiß, wann der nächste Anfall kommt. Jeder Abend bedeutet für sie eine große Unsicherheit. Die ständige Furcht vor Kontrollverlust prägt ihr Denken und ihr Verhalten schon in ganz jungen Jahren.
11:11
Jalini hat uns das so beschrieben, mein Körper war dann wie ein Käfig, wenn ihre Muskulatur nach einem Anfall völlig steif wurde. Weil sie war ja wach und sie war präsent. Ich kann mir das gar nicht vorstellen. Sie war auch panisch, aber eben gelähmt. Und das machte die Situation so unerträglich für sie, so bedrückend. Vor allem als Kind. Ja, kleines Kind.
11:34
Da denke ich ja nur an Bewegung bei Kindern. Ja, genau. Und sie sagt, sie war in ihrem eigenen Körper eingeschlossen. Sie konnte nicht mal um Hilfe rufen.
11:44
Also das war halt so, dass ich sozusagen der eigene Beobachter in meinem eigenen Körper war. Bedeutet, dass ich alles mitbekommen habe. Also du bist da, aber du kannst halt nichts tun, weil du dich weder wehren noch artikulieren oder halt wenn irgendwas weh tut oder du empfindest ja trotzdem Schmerz.
12:08
Leni wird oft mit Blaulicht ins Krankenhaus gebracht, wenn sie einen solchen Anfall erlitten hat. Und dort in der Klinik muss sie dann häufig für mehrere Wochen bleiben.
12:17
Da das Klinikpersonal Leni aber schon kennt, ist immer bereits vorgesorgt. Alle auf der Kinderstation wissen, dass die kleine Leni am liebsten ein ganz bestimmtes Graubrot mit Schinkenwurst ist. Und in diesem Brot stecken im Idealfall auch noch kleine Salzstangen.
12:32
Und all das gibt es immer auf Vorrat im Krankenhaus für den Fall, dass Leni eingeliefert wird. Und das geschieht wirklich häufig.
12:39
Lenis Oma arbeitet auch in dieser Klinik. Sie ist zwei Stockwerke über der Kinderstation im Fachbereich für Magen-Darm-Erkrankungen als Stationsschwester beschäftigt. Wenn Leni eingeliefert wird, dann erhält ihre Oma sofort einen Anruf aus der Kinderstation. Und sie versucht dann immer ganz schnell, sich ein paar Minuten Zeit zu nehmen, um zu ihrer Enkelin hinunterzulaufen und im besten Fall die Hand zu halten.
13:05
Die Oma ist immer zur Stelle, wenn Leni ins Krankenhaus gebracht wird. Wer dagegen deutlich seltener auftaucht, das ist Lenis Mutter. Sie heißt Maren. Und wenn sie das Krankenzimmer betritt, wirkt sie bemüht und kontrolliert freundlich. Sie fragt nach Lenis Zustand, sie streicht ihr über die Haare und versucht...
13:23
die Rolle der sorgenden Mutter auszufüllen. Aber dem Pflegepersonal der Kinderstation bleibt nicht verborgen, dass vieles davon sehr angestrengt wirkt. Also Maren scheint sich überwinden zu müssen, Nähe zuzulassen. Und ihre Fürsorge wirkt oft einstudiert und ihre Herzlichkeit ist seltsam, kühl und künstlich.
13:42
Außenstehenden würde das vermutlich kaum auffallen, aber die Mitarbeiter der Station, die kennen Leni und ihre Mutter nun schon seit Jahren. Und sie spüren, dass etwas hier nicht stimmt, auch wenn niemand genau benennen kann, was es ist.
13:55
Ja, die Mitarbeiter spüren, dass da etwas seltsam ist, aber wer Lenis Mutter wirklich ist und wie grausam die Wahrheit hinter ihrer Fassade ist, das ahnt niemand. Leni selbst beschreibt ihre Mutter so.
14:11
kürzere braune Haare, Brille. Sie hat einen sehr unheimlichen Blick. Sie hat so eisblaue Augen. Also sie hat eisblaue Augen, so durchdringend, so als ob sie durch einen hindurch guckt. Sie guckt dich an, aber sie sind so leer. Also so ein leerer Blick ist das halt, der sich so durch dich hindurch bohrt und dir einfach kalt ums Herz wird. Sie ist sozusagen immer so das Monster unter meinem Bett gewesen, meine Mutter.
14:43
Wenn du so deine Mutter beschreiben musst. Meine Mutter war das Monster unter meinem Bett. So empfindet sie das als Kind. Kinder beschreiben ja genau mit diesem Bild oft was, was ihnen halt ständig Angst macht. Also mit dem Monster unterm Bett. Etwas Unsichtbares, dessen Präsenz sie aber trotzdem ja die ganze Zeit spüren. Sowas, was nie so wirklich weg ist, aber nicht zu sehen ist. Und Lenis Monster ist nicht ihre schwere und quälende Krankheit, sondern die eigene Mama.
15:11
Nicht die Anfälle, nicht das Krankenhaus, nicht die Schmerzen lösen bei ihr die größte Angst aus, sondern die Unberechenbarkeit der Mutter, die Kälte und die Gleichgültigkeit, mit der sie ihr Kind behandelt.
15:23
Lini erinnert sich zum Beispiel daran, dass sie ihrer Mutter einmal zum Muttertag ein kleines Geschenk besorgt hatte. Sie lief aufgeregt nach Hause, versteckte das Geschenk und übergab es ihr dann ganz stolz am Muttertagsonntag. Aber ihre Mutter sah erst das Geschenk an, dann Leni und sie sagte nur, was soll ich damit und warf das Geschenk dann gleichgültig weg.
15:44
Was für eine Frau ist das? Ich sehe die auch so vor mir mit ihrem Blick, mit den eiskalten Augen.
15:51
Ja, und das ist ja nur eine ganz kleine Geschichte aus einer ganzen Reihe, die sie uns erzählt hat. Also es gibt da ganz viele große und kleine Verletzungen, die dieses Mädchen jeden Tag durch diese Frau erleidet. Und die ist nicht nur eiskalt, sie ist auch grausam, die Mutter. Und Leni erleidet bei ihr immer wieder nicht nur seelische Verletzungen, wie zum Beispiel an diesem Muttertag, sondern dementsprechend auch körperliche. Denn die Mutter quält Leni auch körperlich, wann immer sie dazu Gelegenheit bekommt.
16:26
Meine Mutter hat mich geschlagen, gekniffen und mich auch schon mal in einem Zimmer eingesperrt und zwölf Stunden dort gelassen, ohne dass ich halt irgendwie die Möglichkeit hatte, rausgehen zu können. Meine Oma war sich nicht sicher. Also sie hatte sie immer gefragt, wo die blauen Flecke herkommen. Und ich hatte mich nicht getraut, weil ich Angst hatte, meine Mama zu verlieren, weil ich war ja noch sehr klein.
16:56
Leni spricht also auch mit ihrer Oma nicht über das, was zu Hause da wirklich passiert, über diese Grausamkeit. Die Oma kann also nicht sicher wissen, ob Lenis Mutter tatsächlich etwas mit den Verletzungen an dem Körper der Enkelin zu tun hat.
17:12
Denn diese Verletzungen, die erregen auch beim Klinikpersonal überhaupt keinen Verdacht. Weder die Pfleger noch die Ärzte können sich vorstellen, dass hinter dem etwas steifen und kontrollierten Verhalten dieser Mutter etwas anderes stecken könnte als jetzt Erschöpfung oder Überforderung. Keiner ahnt die Abgründe. Niemand erkennt zu dem Zeitpunkt das Ausmaß.
17:34
Und das ist auch gar nicht verwunderlich, denn Leni erleidet ja immer wieder schwere epileptische Anfälle und bei denen verletzt sie sich auch häufig. Und sie hat uns auch erzählt, dass sie manchmal unterwegs auf der Straße oder auf dem Spielplatz einen Anfall bekam und fremde Menschen ihr dann helfen wollten und versuchten, sie festzuhalten. Und auch das führte oft zu Verletzungen, zu blauen Flecken, zu Prellungen oder zu Schnitten.
17:57
Das ist ja fatal, die Mischung. Also ein misshandelnder Elternteil, ein epileptisches Kind, klar. Und so war diese Mutter gut geschützt, um es mal so zu sagen. Denn diese Wunden an Lenis Körper, die ließen sich absolut und zu 100 Prozent, und die gab es ja zum Teil auch eben, Wunden durch die epileptischen Anfälle, da ließ sich das alles gut erklären.
18:21
Übrigens kleiner Exkurs zu dem Thema auch, wenn jemand so einen Anfall hat. Wir haben das auch mal erlebt auf Dreh bei einem Suchenden. Der hatte dann einen Anfall, das war wirklich hochdramatisch. Da haben wir das auch nochmal gelernt und wirklich mitgemacht. Es ist also absolut wichtig, da ruhig zu bleiben, wenn man da dabei ist.
18:43
Und vor allem die betroffene Person vor Verletzung zu schützen. Also das Einzige, was man tun kann und unbedingt tun soll, ist eben sämtliche Gegenstände aus dem Umfeld entfernen und den Kopf des Krampfenden mit etwas Weichem unterlegen. Aber man darf die auf gar keinen Fall festhalten, diese krampfende Person. Und natürlich darf auch nichts irgendwie in den Mund gesteckt werden, egal wie das aussieht, egal was man tun möchte. Beides ist sehr gefährlich. Also dieses Eingreifen und Festhalten oder auch was in den Mund stecken wollen, weil man denkt, die verschlucken sich irgendwie oder beißen sich auf die Zunge.
19:19
Das kann erfahrungsgemäß zu zusätzlichen, ganz schweren Verletzungen führen. Also einfach nur versuchen, alles so aus dem Umfeld wegzu. Und Gestanz zu halten. Genau, das ist das Einzige.
19:32
So und jetzt, nach dem, was wir da gerade gehört haben über die Mutter, wird schon klarer, warum dieses Kind sie als Monster unter dem Bett empfindet.
19:40
Wenn Leni nicht im Krankenhaus ist, dann lebt sie bei ihrer Mutter. Und zu Hause ist die Atmosphäre natürlich geprägt von Angst, von Unsicherheit und ständiger Anspannung. Es gibt keinen Moment der Ruhe oder der Geborgenheit, nur eine künstliche Normalität und gespielte Herzlichkeit, wenn andere dabei sind.
20:00
Wenn dann halt Besuch da ist, nicht außer der Reihe, gab es so ein kurzes so an einen Rand ziehen. Keine richtige Umarmung mehr, so wie wenn man einen Kumpel so die Arm um die Schulter und Rand zieht und dass man den Kopf kurz anlehnen konnte. Das so für einen Moment, dass ich den Herzschlag meiner Mutter hören konnte.
20:24
Also ich habe zwar versucht, diesen Moment auszukosten, den ich an Zuneigung von meiner Mutter bekommen habe, irgendwie für mich, für mein Herzen einzuschließen und aufzubewahren, aber die Enttäuschung danach war halt immer größer.
20:41
Ja, wie schlimm. Diese Enttäuschung, wenn der Besuch dann weg war und die Mutter Leni dann wieder auf Abstand gehalten hat.
20:49
Und Kinder können sich ja auch an Bezugspersonen binden, die einfach ihnen gar nicht gut tun. Im Gegenteil, die gleichgültig wirken oder sie sogar grausam behandeln, wie hier in diesem Fall.
21:00
Und das ist ja natürlich aus Erwachsenensicht oft erstmal schwer nachzuvollziehen. Aber ein Kind kann sich halt in diesen Strukturen einfach nicht davon lösen, weil es ja emotional und auch praktisch von dieser Bezugsperson vollständig abhängig ist oder jedenfalls denkt, dass es das ist.
21:20
Leni ist ein sehr krankes Kind und dadurch ja in ganz besonderem Maße schutzlos. Doch sie ruft nicht aktiv um Hilfe, weder beim Klinikpersonal noch bei der Oma. Und das macht es natürlich auch für die Außenstehenden in diesem besonderen Fall unmöglich, die Situation richtig einzuordnen. Und so ist Leni diesen körperlichen Misshandlungen der Mutter ausgesetzt, ohne dass jemand eingreifen würde.
21:46
So, wir kennen jetzt Leni, wir haben andeutungsweise schon diese Mutter kennengelernt, wir kennen die Oma und wir kennen die Krankheit. Da fehlt ja noch einer in dem Konstrukt und das ist natürlich der Vater, Lenis Vater und der lebt nicht im Bielefeld und Leni hat ihn auch noch nie gesehen, aber sie weiß einiges über ihn.
22:09
Ja, Leni weiß, dass ihre Mutter und ihr Vater sich in einer Bar in Bielefeld kennengelernt haben. Das war Ende der 80er Jahre und sie wurden ganz schnell ein Paar. Linis Vater hieß Charlie und er stammte aus England, aus London. Er war Soldat bei der britischen Armee und zu diesem Zeitpunkt, also als er Linis Mutter kennenlernte, war er in Deutschland stationiert.
22:31
Sie hatte halt noch Fotos und seine alte Uniform im Keller verstaut. Die habe ich dann rausgekramt und habe mir die angeguckt und habe sie dann mit zu Oma genommen, weil Oma mir halt deutlich mehr über ihn erzählen konnte.
22:49
Die Schwangere Maren begleitete Charlie also nach London.
23:11
Dort jedoch, so erzählte sie es später, zu Hause in Bielefeld, habe Charlie sich von ihr getrennt. Sie musste daraufhin ganz alleine nach Deutschland zurückreisen und brachte kurz darauf in Bielefeld Leni zur Welt. Von Charlie hörte sie nichts mehr. Sie erfuhr nur, dass er noch vor Lenis Geburt versetzt worden war. Das bedeutete, dass er Deutschland verlassen hatte.
23:34
Ja, was da wirklich genau damals in England passiert war und worum es in diesem angeblichen Streit gegangen war oder ob es vielleicht ganz anders war, das weiß die Oma natürlich nicht. Sie kennt die Geschichte ja nur aus Erzählungen ihrer Tochter. Charlie habe also plötzlich von jetzt auf gleich einen Rückzieher gemacht und sich von Lenies Mutter getrennt. Verwunderlich.
23:56
Die Oma weiß auch, dass Charlie sehr musikalisch war. Er spielte mehrere Instrumente und hatte eine Band in England. Und auch in Bielefeld trat er gelegentlich mit einigen britischen Soldaten auf. Sie spielten in kleinen Bars und auf Volksfesten.
24:10
Und wie war deren Verhältnis, also Oma und Charlie?
24:14
Die Oma mochte Charlie. Sie erinnert sich, dass er herzlich und lustig und sehr charmant war, sehr zuvorkommend. Ein richtiger Gentleman, so hat sie es gesagt.
24:22
Ich glaube ja jetzt schon diese Trennungsgeschichte irgendwie nicht. Weiß ich nicht. Lenis Mutter hat Charlie die Trennung nie verziehen, sagt sie. Wann immer sein Name fällt oder jemand nach ihm fragt, reagiert Maren abweisend, verbittert oder wütend.
24:38
Oft genügt schon eine beiläufige Bemerkung und ihre Stimmung kippt schlagartig. Dann wird ihre Stimme schärfer und die Situation ist sofort angespannt. Und so empfindet es Leni äußerst bedrohlich sogar.
24:51
Ja, und für Leni ist natürlich schon längst klar, dass diese Kälte und die Ablehnung ihrer Mutter nicht nur ihr selbst gelten, sondern genauso oder vielleicht sogar in erster Linie ihrem Vater, dem Maren einfach nicht verzeihen kann, dass er sie im Stich gelassen hat.
25:07
Sie hat gesagt, ich bin ihm wie aus dem Gesicht geschnitten und habe halt auch sehr viele Seiten von ihm. Als ich da war, war ich sozusagen das Abbild meines Vaters, sozusagen die Enttäuschung und scheinbar in ihren Augen auch der Grund, warum er sie verlassen hat.
25:27
Das habe ich ja schon leider oft gehört in solchen Fällen, dass das dann so projiziert wird aufs Kind. Es ist etwas, was ich zu 0,000 Prozent nachvollziehen kann. Das ist doch ein eigener Mensch. Du bist doch, das ist doch dein Kind. Also dass da so...
25:44
komisch zu verknüpfen. Das finde ich egal, wenn es der schlimmste Vater der Welt gewesen wäre. Die hat doch ein Recht darauf, eine eigene Persönlichkeit zu haben und für das geliebt zu werden, was sie selber dann ist und wie sie sich entwickelt.
25:57
Ja und dieses massive Strafen. Diese Mutter schlägt ja ihr kleines, krankes Kind. Das ist also unglaublich.
26:05
Das ist ja auch nochmal was anderes, also dass das eine misshandelnde Mutter ist. Aber dieses psychologische Motiv, also ein Kind, und das gibt es ja öfters auch in weniger ausgeprägter Form, Gott sei Dank, aber jemanden abzulehnen, weil du das Kind von bist. Du hast dich dann von demjenigen getrennt oder der war doof zu dir, ätzend, was auch immer. Das Kind kann doch gar nichts dafür.
26:26
Ich finde es ganz fürchterlich, finde ich das.
26:29
Also anscheinend erinnert die Leni die Mutter dann immer an Charlie und ja, der Schmerz des Verlassenswerden oder so, das verbindet sie dann einfach. Also die Leni wird sozusagen zur Projektionsfläche für die Gefühle der Mutter gegenüber dem Mann. Also da wird ja auch wieder Paarebene und Eltern sein vermischt und vertauscht und das ist total ungut.
26:55
Also ich meine jetzt damit, diese schlechten Gefühle, die sich eigentlich gegen den Ex richten, richten sich dann gegen das Kind. Also da ist jemand, die bräuchte dringend sehr, sehr viel Begleitung und Therapie, diese Mutter. Und um es zusammenzufassen, wenn ein Erwachsener selbst auch die schlimmsten Verletzungen der Welt erlebt haben sollte, trägt er trotzdem und zu jeder Zeit Verantwortung fürs Verhalten gegenüber dem Kind.
27:22
Das ist ja wohl klar.
27:23
Als Leni älter wird, zeigt sich immer deutlicher, dass sie außergewöhnlich musikalisch ist. Schon als Kind reagiert sie auf Melodien. Sie summt fast fehlerlos Lieder nach, auch wenn sie sie nur einmal gehört hat. Und sie verbringt jede freie Minute mit Musik. Und die Musik verbindet sie auf seltsame Weise mit ihrem Vater. Leni weiß ja, wie musikalisch er war. Sie entwickelt ein ganz feines Gehör und entdeckt, wie sehr sie sich durch Musik mitteilen kann. Oft besser, als ihr das mit Worten gelingt.
27:52
Musik ist mein Leben schon immer gewesen. Mit Musik kann man einfach so viel ausdrücken, kann man so viel verarbeiten. Und Musik ist für mich mein Leben. Also mit Musik kann man halt seinen Schmerz verarbeiten oder gute Zeiten, schlechte Zeiten durchstehen.
28:12
Und schlecht sind die Zeiten für sie. Leni fühlt sich oft einsam und völlig fehl am Platz. Gerade in solchen Momenten beginnt ihre Sehnsucht nach diesem Vater immer stärker zu werden. Sie klammert sich an alles, was sie über ihn weiß. Die wenigen Geschichten der Oma, an die Vorstellung, dass er Musik liebt und an die Aussage, dass er sich wahnsinnig auf ihre Geburt gefreut hat. An Weihnachten und an ihren Geburtstagen ist es für Leni besonders schlimm. Dann sitzt sie da, oft ohne Geschenke und ohne Kuchen von der Mama und alles tut ihr weh vor Sehnsucht nach ihrem Vater.
28:50
Leni wünscht sich dann nichts sehnlicher, als dass er da wäre, bei ihr, an einem reich gedeckten Geburtstagstisch, an dem gelacht und gefeiert wird.
29:00
Er konnte mit mir diesen Moment zelebrieren, mit mir zusammen die Kerzen auspusten oder wir machen lustige Bilder zusammen mit Partyhüften und sowas. Und ja, in meiner Fantasie hatte er immer so ein Herz aus Gold, ein Herz für Tiere.
29:20
War immer für einen da, wenn man Sorgen hatte. Und das war immer das, woran ich geglaubt habe. Dass mein Papa irgendwann zu mir kommt mit einer Gitarre unter den Arm.
29:32
Dann eines Tages, Leni ist gerade elf Jahre alt, sieht es plötzlich so aus, als würde nicht der Vater mit der Gitarre unter dem Arm zu Leni kommen, sondern als könnte Leni selbst zu ihm gehen. Leni ist völlig aufgeregt, denn ihre Mutter hat ihr gerade erklärt, dass sie mit ihr zusammen nach London fliegen will, um nach ihrem Vater, also nach Charlie, zu suchen. Leni kann gar nicht glauben, was sie da hört, aber ihre Mutter zeigt ihr die Flugtickets und in einer Woche soll es losgehen.
30:00
Leni malt sich aus, wie ihr Vater wohl aussieht, wie seine Stimme klingt und sie fragt sich, ob er sie sofort erkennen wird. Sie kann nachts nicht mehr schlafen, weil ihr tausend wunderbare Bilder durch den Kopf wirbeln.
30:11
Und dann geht es los. Maren und Leni fliegen nach London. Als sie schließlich ankommen, da ist Leni völlig überwältigt von dieser Stadt. Alles hier ist laut und lebendig und aufregend. Doch unter all den Eindrücken ist ein Gedanke der allerwichtigste. Hier lebt ihr Vater und ihre Mutter wird ihr wohl helfen, ihn zu finden. Zum ersten Mal in ihrem Leben scheint Lenis Vater nicht mehr nur eine Erzählung oder ein Schatten aus der Vergangenheit zu sein, sondern jemand, der irgendwo in dieser riesigen Stadt tatsächlich existieren könnte.
30:45
Ich dachte, jetzt ist es soweit, ich war artig genug, vielleicht lerne ich ihn jetzt kennen.
30:53
Aber dann stellt sich heraus, dass Lenis Mutter gar nicht vorhat, Charlie gemeinsam mit Leni zu suchen. Denn was nun geschieht, das wird Leni ihrer Mutter niemals verzeihen.
31:03
Wir waren auf dem Piccadilly Circle. Wir waren beim Buckingham Palace. Und dann sind wir noch mal mit der U-Bahn fahren wollen, zurück zum Hotel. Und da hat sie mich reingesetzt und ist wieder rausgegangen. Und ich bin nur eine Station gefahren, weil ich halt panische Angst hatte. Und an den Underground Stationen steht meistens immer ein Bobby, also ein britischer Polizist. Und dem habe ich dann gesagt, dass ich meine Mama verloren habe, dass sie an einer anderen Station ist.
31:34
Also die lässt die elfjährige Tochter einfach absichtlich in der U-Bahn zurück, lässt die weiterfahren und sie steigt einfach eiskalt aus. Was ist denn mit dieser Frau? Was ist denn das schon wieder für eine verrückte Geschichte?
31:48
Ja, man fragt sich, wollte sie die Tochter quälen? Also ist das von Anfang an so geplant gewesen?
31:55
Also völlig, das ist so wenig noch nachvollziehbar.
31:59
Also ich denke, klar ist, dass Maren ihrem Kind nichts Gutes wollte. Sie hat sie ja schon jahrelang vorher gequält und misshandelt und geschlagen und verletzt. Ja und das ist jetzt ja völlig, also Gaga ist die.
32:12
Lenis Irrfahrt in dieser Londoner U-Bahn nimmt aber noch ein gutes Ende, denn diese Polizisten fahren zusammen mit ihr in der nächsten Bahn zurück zu der Station, in der die Mutter sie alleine im Abteil zurückgelassen hatte und sie treffen sie auch an, als sie gerade in aller Seelenruhe diese Station verlassen wollte.
32:31
Und Lenis Mutter hat auch direkt eine Erklärung für diesen Vorfall parat. Sie habe Leni natürlich aus der U-Bahn ziehen wollen, erklärt sie den Polizisten, sei dann aber von den anderen Fahrgästen hinausgedrängt worden und so hätten sich die beiden dann verloren.
32:46
Muss man ganz klar sagen, es war nicht so.
32:48
Die war elf, die weiß schon, wie es war. Ja. Als die Polizisten weg sind, sieht sie Leni mit ihren hellblauen und gleichgültigen Augen an und sie sagt, du hättest doch die Gelegenheit gerade eben nutzen können, um nach deinem Vater zu suchen. Toll.
33:03
Sie hat dann die Schuld auf mich geschoben und sie sagte nur zu mir, das wäre meine Chance gewesen. Und ich denke nur so, welche Chance? Ich war noch nie hier und du lässt mich völlig alleine und ich soll dann in dem Alter alleine in London irgendwie herausfinden, wie ich meinen Vater hätte finden können.
33:24
Weißt du, welches Bild ich gerade im Kopf habe? Welches? Ja, wie Hänsel und Gretel. Wie diese Stiefmutter, die diese Kinder im Wald zurücklässt und sich denkt, ja, habt ihr ein Stück Brot dabei? Könnt ihr mal gucken, müsst ihr mal selber klarkommen. So ein bisschen total verrückt.
33:38
Ja, es ist auch skandalös. Wir wissen ja gar nicht, ob Leni gewusst hat, wo das Hotel, was hätte sie denn gemacht?
33:44
Ich glaube aber wirklich, auf eine absurde Weise hat die Mutter wirklich gedacht, ja, vielleicht suchst du ja selber und bleib bei dem, dann bin ich so los. Also so empfinde ich das ein bisschen.
33:54
Ja, hat wohl nicht geklappt, denn am folgenden Tag geht es dann zurück nach Deutschland.
33:59
Ja, und man kann sich auch vorstellen, wie sich das Kind auf dieser Rückreise gefühlt hat. Die ist elf Jahre alt und hat jetzt natürlich die ganze Zeit dort geglaubt, sie sieht vielleicht ihren Papa endlich und alles könnte irgendwie gut werden. Und dann ist das alles einfach nur eine große Lüge. Und Leni und ihre Mutter führen ein Gespräch.
34:21
Ich habe angeblich in ihren Augen nicht so funktioniert, wie sie es wollte. Also ich habe ihr gesagt, ich wünschte, ich wäre bei meinem Vater.
34:33
Aber Leni ist nicht bei ihrem Vater und ihre Mutter wird ihr auch nie wieder in Aussicht stellen, dass Leni ihn treffen könnte.
34:40
Zu dieser Zeit, als Leni etwa elf Jahre alt ist, hören die eptileptischen Anfälle plötzlich auf. Für alle Beteiligten, die sie da betreut haben in der Zeit, ist es zunächst überraschend und fast unerwartet.
34:54
Ja, Leni ist inzwischen gesund und die langen Krankenhausaufenthalte gehören der Vergangenheit an.
35:00
Doch zur Ruhe kommt Leni dadurch nicht, denn ihre Mutter findet nun einen anderen Weg, Leni zeitweise aus dem Haus zu geben. Sie schickt sie immer wieder für mehrere Monate in verschiedene Kinderheime. Für Leni ist das jedes Mal ein Bruch, denn sie kommt in eine Umgebung, die ihr fremd ist, mit Regeln, Abläufen und Menschen, die ja nur vorübergehend Teil ihres Lebens sind, denn sie weiß ja, dass sie irgendwann wieder nach Hause zu ihrer Mutter zurückkehren wird. Und dieses ständige Hin und Her macht es Leni unmöglich, irgendwo wirklich anzukommen.
35:30
Und Leni sagt heute, dass die Aufenthalte in den Kinderheimen für sie ein Albtraum waren.
35:35
Die Oma kann Leni nicht mehr helfen. Die ist inzwischen weit weg zu Verwandten gezogen, weil sie selbst Unterstützung braucht und den Alltag nicht mehr allein bewältigen konnte. Dadurch ist sie räumlich und auch praktisch nicht mehr in der Lage, ihrer Enkelin den Schutz und Halt zu geben, den Leni so dringend bräuchte. Auch wenn zwischen ihr und Leni weiterhin eine enge Bindung besteht, reichen die Kräfte der Oma nicht aus, um sich wirksam gegen diese Mutter zu stellen oder Leni aus der belastenden Situation herauszuholen.
36:07
Damit fehlt Leni eine wichtige Bezugsperson, die früher zumindest ein kleines Stück Sicherheit in ihr Leben gebracht hat.
36:14
Leni findet kein Boden mehr unter den Füßen. Die Jahre neben ihrer Mutter, neben ihrer Kälte und ihren Grausamkeiten, all das hat Spuren hinterlassen.
36:24
hilflos, einsam, verlassen, ständig abgeschoben. Und ich habe immer gekämpft, weil ich gesagt habe, ich habe es verdient zu leben. Also für mich selber habe ich gesagt, ich habe es verdient. Klar gab es Momente, wo ich gesagt habe, okay, ich bin es wirklich nicht wert, hier zu sein, weil sie mir immer dieses Gefühl gegeben hat und mich es halt auch spüren lassen hat, Wenn ich an irgendetwas Freude oder Glück empfunden habe, war sie diejenige, die es mir sofort entrissen hat.
36:59
Die Jahre vergehen. Leni ist jetzt 18 Jahre alt und sie hat inzwischen mit einer Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten begonnen.
37:07
Diese Ausbildung macht ihr Spaß und sie genießt es, mit Menschen zu arbeiten und organisatorische Aufgaben zu übernehmen. Leni hat sich auch verliebt. Sie war für einige Zeit mit einem jungen Mann zusammen. Die beiden sind jetzt getrennt. Aber Leni hat das Gefühl, dass es nun in ihrem Leben endlich aufwärts geht. Ihre Mutter versucht zwar nach wie vor, sie zu demütigen und zu verletzen, aber Leni ist ihr nicht mehr so hilflos ausgeliefert wie noch vor einigen Jahren, als sie jünger war.
37:34
Naja, wir müssen nicht groß spekulieren, um zu wissen, dass diese Entwicklung der Mutter ganz und gar nicht gefallen kann. Also noch nie hat dies ja gut ertragen, wenn ihr Kind glücklich war. Im Gegenteil. Also sie hat ja immer mit Lenis Gefühlen gespielt. Sie hat sehr niedrig gequält und körperlich misshandelt. Und jetzt funktioniert das nicht mehr.
37:54
Und das hat ihr absolut missfallen. Sie hat versucht, mich komplett einzuschränken. Dann hat sie mich mit 19 zwei Tage vor Heiligabend auf die Straße gesetzt, hat Klamotten in Säcke gestopft und in den Mülleimer geworfen und mich als ihre Tochter losgesagt hat, gesagt, bist alt genug, sieh zu, wo du hingehst.
38:17
Leni kommt bei verschiedenen Bekannten und Kollegen unter. Manchmal muss sie mit den wenigen Sachen, die ihr geblieben sind, mehrmals in der Woche umziehen, von dem einen Gästezimmer auf die nächste Couch. Jeder neue Ort ist nur eine Übergangslösung und nichts bleibt lange bestehen. Immer wieder muss Leni mit neuen Menschen, mit neuen Wohnungen und neuen Regeln zurechtkommen, ohne je wirklich irgendwo anzukommen.
38:40
Und meine Mutter hat meiner Oma verboten, mir Geld zu schicken, mir Kleidung zu schicken, weil ich sie in ihren Augen betrogen habe und ich es nicht verdient habe, irgendetwas zu bekommen. Am liebsten wäre es sie gewesen, ich wäre irgendwo in einer Busseitestelle verreckt.
39:01
Ja, das mit der Bushaltestelle hatte die Mutter Leni auch noch hinterhergerufen, als sie sie aus der Wohnung geschmissen hat. Also unglaublich, diese Frau und so eiskalt. Und doch passen die Worte erschreckend halt gut zu dem Verhalten in all den Jahren vorher.
39:17
Die Oma hatte natürlich doch noch Geld und Kleidung geschickt, ist ja klar.
39:21
Aber das hat sie einfach heimlich gemacht. Und hier endet die Geschichte von Leni und ihrer Mutter. Denn diesmal kehrt Leni nicht zurück, um erneut um Liebe oder Anerkennung zu kämpfen. Sie reduziert den Kontakt auf das Nötigste und mit der Zeit bricht sie ihn dann fast vollständig ab. Nicht aus Hass, sondern aus Selbstschutz.
39:40
Die absolut einzig richtige Entscheidung in so einem Fall.
39:44
Zum ersten Mal beginnt Leni zu verstehen, dass Frieden manchmal nicht darin besteht, eine Beziehung zu retten, sondern darin, sich von ihr zu lösen. Es dauert lange, bis die alten Verletzungen heilen. Doch mit jedem Monat, den sie ihr eigenes Leben führt, gewinnt sie ein Stück von sich selbst zurück.
40:01
Ja und Leni hat uns gesagt, dass die Tatsache, dass ihre Mutter sie aus der Wohnung geworfen hat, rückblickend das Beste war, was ihr passieren konnte, weil diese endgültige Trennung ihr zum ersten Mal die Möglichkeit gab, Abstand zu gewinnen und zu erkennen, wie sehr sie über die Jahre unter dem Verhalten der Mutter gelitten hatte.
40:19
Klar, solange du da drin lebst, also in diesem System, da hat sie ja noch vieles für normal gehalten. Also hat sich oft selbst natürlich dann die Schuld gegeben oder gehofft, dass sie irgendwie was ändern könnte, irgendwas anders machen könnte, irgendwie gefallen kann. Aber jetzt durch die Distanz, also aus der Distanz heraus, beginnt sie zu verstehen, dass Liebe eben nicht bedeuten darf, ständig verletzt, kontrolliert oder kleingemacht zu werden. Der Bruch hat sie regelrecht dazu gezwungen, auf eigenem Bein zu stehen und Und das hat am Ende Freiheit bedeutet.
40:52
Ja, und auch wenn die ersten Monate schwer waren, hat Leni nach und nach ein Selbstvertrauen entwickelt, das sie vorher nie aufbauen konnte. Sie hat gelernt, Entscheidungen für sich selbst zu treffen, Grenzen zu setzen und auch Menschen in ihr Leben zu lassen, die ihr mit Respekt und echter Zuneigung begegnet sind.
41:08
Und das ist halt so eine Erkenntnis im Leben. Manchmal auch mit ganz engen Menschen, engen Verwandten kann es sein, dass eine Trennung oder auch ein schmerzhafter Bruch sich dann als das Beste herausstellt, das einem passieren konnte. Auch wenn man sich das einfach nicht vorstellen kann. Manchmal ist das sozusagen die einzige Lösung.
41:29
Leni findet schließlich ein kleines Zimmer, das sie anmieten kann und sie beendet ihre Ausbildung mit sehr gutem Erfolg.
41:36
Sie kommt wieder mit dem jungen Mann zusammen, der ihre erste Liebe, also ihre Jugendliebe war, und die beiden heiraten schließlich. Und dann wird Leni Mutter. Sie liebt und verwöhnt ihr Kind und sie macht alles anders als ihre eigene Mutter. Ihrem Kind gegenüber ist sie liebevoll, aufmerksam und sehr zugewandt. Und oft denkt sie darüber nach, wie sehr sie sich selbst als Kind nach genau dieser Art von Beziehung gesehnt hat.
42:00
Ja, und so toll, mal wieder jemand, der so aus dem Dunklen kommt und sich der Sonne zuwendet, das einfach schaffen kann. Das finde ich immer so bewundernswert.
42:11
Seit Leni selbst Mutter geworden ist, hat sich ihr Blick auf ihren Vater verändert. Sie vermisst ihn genauso schmerzlich wie damals als Kind. Aber seit sie selbst einen Sohn hat, sind das Gefühl und der Schmerz noch tiefer geworden, also drängender, schwerer einzuordnen. Es ist eine Sehnsucht, die sie jetzt gar nicht mehr loslässt.
42:32
Ich habe dann für ihn einen Song geschrieben, der heißt Daddy, hear me. Also in dem Song geht es halt so darum, dass ich nach ihm rufe und dass ich einfach nur eine Tochter bin, die ihren Vater vermisst. Und es ist egal, wie die Zeit vergangen ist, ich stehe hier und ich werde warten.
42:56
Leni beginnt nach ihrem Vater zu suchen. Und sie beginnt dort, wo heute fast jede Suche startet, im Internet. Immer wieder tippt sie Charlie oder Charles zusammen mit dem Nachnamen und London in verschiedene Suchmaschinen ein. Sie variiert die Schreibweisen, ergänzt ungefähre Altersangaben und probiert unterschiedliche Kombinationen aus. Doch der Name ist zu häufig. Jeder Treffer führt zu einem anderen Charles, aber keiner zu ihrem Vater. Keine Spur passt wirklich zusammen, nichts lässt sich eindeutig zuordnen.
43:29
Schließlich wendet sie sich an die britische Armee, in der Hoffnung auf eine offizielle Auskunft. Doch auch dort erhält sie keine verwerbbaren Informationen. So wird aus der Suche nach ihrem Vater eine Reihe von Versuchen, die alle am gleichen Punkt enden. Keine bestätigten Spuren, keine sicheren Hinweise, keine Tür, die sich wirklich öffnet. Leni's Suche bleibt ohne Ergebnis.
43:55
Schließlich beschließt Leni, sich an dich zu wenden und sie schreibt dir eine Mail. Darin schildert sie alles, was sie über ihren Vater weiß und sie bittet dich um Hilfe.
44:03
In England gibt es kein zentrales Melderegister, deshalb gibt es auch keinen einfachen Weg, eine Person allein über den Namen und den Wohnort systematisch zurückzuverfolgen. Daten sind verteilt, alte Telefonbücher, lokale Archive, Wahlregister, soziale Netzwerke, einzelne öffentliche Datenbanken. England ist tricky, muss man sagen. England ist tricky und nichts davon ist vollständig oder direkt miteinander verknüpft und die Suche ist schwierig.
44:30
Du machst dich auf den Weg nach London, denn du hast eine Idee.
44:36
Ich hatte für meine Suche den Vor- und Nachnamen von Lenis Vater. Aber beide Namen waren in England sehr verbreitet, sodass ich damit kaum etwas anfangen konnte. Und ich hatte außerdem ein 30 Jahre altes Foto von ihm. Leni hatte mir das Bild zur Verfügung gestellt. Ich wusste über Charlie lediglich, dass er sehr musikalisch gewesen war. In Deutschland hatte er in einer kleinen Band gespielt und war gelegentlich auch aufgetreten. Und genau an diesem Punkt habe ich mit meiner Suche angesetzt.
45:07
Allerdings war Charlie kein Profimusiker. Jedenfalls hatte ich seinen Namen weder in Veranstalterverzeichnissen noch in Agenturdaten oder bei Künstlermanagements finden können. Die Spur war damit von Anfang an sehr dünn. Ich hatte nur eine Chance. In London ging ich von Club zu Club und von Pub zu Pub. Überall fragte ich nach Charlie, in der Hoffnung, dass ihn jemand kannte oder sich vielleicht noch erinnern konnte. Die Tage vergingen und die Nächte auch. Ich redete mit Clubbesitzern, mit Thekenpersonal, mit Musikern und mit Gästen, aber niemand konnte mir weiterhelfen.
45:44
Doch dann, plötzlich, gab es diesen einen Moment, der alles veränderte. In einem kleinen Pub am Rande der Stadt nickte ein älterer Herr langsam, als ich den Namen von Lenis Vater nannte. Zunächst sagte er nichts, er sah nur lange auf das Foto, als würde er in seiner Erinnerung suchen. Dann meinte er leise, der Mann komme ihm bekannt vor. Er habe ihn aber sehr lange nicht mehr gesehen. Früher sei er manchmal in einem Pub in Ealing aufgetreten, zusammen mit seinen Freunden.
46:16
Der ältere Herr nannte mir den Namen der Bar und ich nahm sofort ein Taxi nach Ealing. Dort sprach ich mit dem Besitzer des Pubs, aber der hatte den Laden erst acht Jahre zuvor übernommen. Er kannte Charlie nicht, aber er gab mir die Adresse des Vorbesitzers und an den wendete ich mich am folgenden Tag. Und tatsächlich, der Vorbesitzer erinnerte sich an Charlie, aber der lebte jetzt wohl nicht mehr in London. Er sei aufs Land gezogen, nach Sussex. Der Mann erinnerte sich auch daran, dass Charlie geheiratet hatte und ein Haus gekauft hatte.
46:51
Irgendwo an der Küste. Damit hatte ich eine realistische Chance, Lenis Vater zu finden. Ich fuhr noch am selben Tag los, Richtung Süden, an die Küste von Sussex. Dort besuchte ich in den Küstenorten wieder Clubs und Pubs und fragte nach Charlie. Es dauerte noch zwei Tage, bis ich jemanden traf, der ihn tatsächlich kannte. Ich bekam eine Adresse und fuhr sofort dahin. Ein Mann öffnete mir die Türe und als ich ihm sagte, weshalb ich da war, begann er zu weinen.
47:24
Ich hatte Linis Vater gefunden.
47:32
Ja, du hast sehr, sehr, sehr viele Bars und Clubs besucht bei dieser Suche und es hat sich letztendlich gelohnt.
47:39
Absolut. Ich könnte ein Buch schreiben über die Pappszene und ich trinke noch nie mal Bier, Silvie. Das ist wirklich eine Schande eigentlich. Aber ich habe halt auf diese Karte Stammgäste gesetzt und das war es ja auch am Schluss.
47:54
Das war richtig gut dann. Ja, Wahnsinn. So, erzähl mal, was hat Leni's Vater erzählt und weshalb hat er sich nie mehr bei Leni und ihrer Mutter gemeldet? Was ist damals in London passiert, als Maren schwanger war und gegangen ist?
48:07
Also aus Charlies Sicht ist die Situation in London damals eskaliert. Es hatte also wohl einen heftigen Streit zwischen ihm und Maren gegeben. Für ihn selbst hat sich das aber nicht wie eine endgültige Trennung angefühlt.
48:23
Auch nicht, als sie abgereist ist. Er dachte, dass sich das dann alles wieder klären lässt. Also sie bekommen ja nun mal ein Kind zusammen. Also für ihn war klar, es ist einfach nur ein sehr heftiger Streit. Und er hat dann natürlich mehrfach versucht, sagt er, wieder Kontakt mit der Mutter aufzunehmen, also mit Maren.
48:40
Und jede seiner Bemühungen sei ins Leere gelaufen. Also die hat ihn heutzutage, würde man glaube ich sagen, geghostet. Maren hat keine Gespräche mehr zugelassen, die hat einfach nicht mehr reagiert und hat jeden Versuch konsequent abgeblockt. Und für Tali ist deswegen lange unklar geblieben, ob die Beziehung jetzt vorbei ist, ob das jetzt endgültig ist oder ob sie vielleicht nur Abstand wollte.
49:04
Und erst mit der Zeit hat er dann wohl langsam realisiert, dass Maren einfach keinen Kontakt mehr will. Klar, aus Retrospektiv kann man ja immer dann hinterher sagen, ja, da hättest du vor Ort fahren müssen und, und, und. Man kann sicher immer noch mehr tun.
49:20
Aber wir wissen, die Dynamik in solchen Beziehungen, das ist schon auch schwierig.
49:25
Ja, er wollte nicht stören wahrscheinlich oder nicht sich einmischen in das Leben dieses Kindes.
49:30
Ja, und das muss man ja nicht beschädigen. Das eigene Leben geht dann auch irgendwann weiter. Du kriegst keinen Kontakt mehr zum anderen. Das ist wahnsinnig schwierig. Und ich spreche dann ja immer von diesem berühmten Graben, der erst immer größer wird und irgendwann ist er unüberwindbar. So, denke ich, war es auch hier. Und er wollte sich eben nicht ungefragt an irgendeinem Punkt in dieses Leben vom Kind drängen. Da ist dann viel Unsicherheit, viel Scham auch. Das kann man, glaube ich, schon so sagen.
50:00
Und er wusste nicht, ob ein Kontakt dann überhaupt erwünscht gewesen wäre, ob er willkommen war und was dem Kind eigentlich erzählt worden war über ihn.
50:09
Und hat Charlie später dann eigene Kinder, also noch weitere eigene Kinder bekommen?
50:13
Nein, also Leni ist sein einziges leibliches Kind. Seine Ehefrau brachte zwei Kinder mit in die Beziehung, aber er hat kein eigenes Kind mehr bekommen. Und Charlie hat dann eine Botschaft für seine Tochter aufgenommen, eine wirkliche Liebeserklärung. Wir haben hier einen ganz kleinen Teil davon.
50:33
Ich bin so froh, dass du nie aufgehört hast, mich zu suchen. Ich bin glücklich, dass wir uns jetzt haben.
50:43
Er hat sein Kind nie kennenlernen können, aber er hat immer an sie gedacht. Sie ist sein einziges Kind. Er wusste nicht mal genau, wann sie Geburtstag hatte. Er ist ja nicht informiert worden. Aber sie war für ihn nie weg oder vergessen. Er hat sich immer gefragt, wie ihr Leben verlaufen ist, ob es ihr gut geht und was sie über ihn weiß. Als ich dann zurück in Deutschland war, habe ich natürlich mit Leni sofort Kontakt aufgenommen.
51:10
Dass Julia ihn gefunden hat, war das größte Geschenk in meinem Leben. Ich habe erst gedacht, sie verarscht mich. Weil es einfach schon über 30 Jahre her ist und ich schon Angst hatte, dass es niemals möglich ist, dass er gefunden wird.
51:30
Also als ob ich mit sowas Spaß machen würde. Niemals!
51:33
Und Leni telefoniert natürlich sofort mit ihm und sie singt ihm das Lied vor, das sie viele Jahre zuvor für ihn geschrieben hat und beide weinen. Und dann dauert es nur ein paar Tage, bis Charlie mit seiner Ehefrau nach Deutschland kommt. Denn Leni hat Geburtstag und ihr Vater möchte diesen Tag das erste Mal zusammen mit seinem Kind feiern.
51:52
Ich hatte butterweiche Knie, ehrlich gesagt, weil ich dachte, ist mein Englisch gut genug? Kann er mich verstehen? Ich werde diesen Augenblick nie vergessen, wo ich dann am Flughafen stand mit meinem Sohn und ich gesagt habe, welcome to Germany, Dad. Da fange ich fast an zu heulen, wenn ich darüber nachdenke. Das ist eines der schönsten, emotionalsten Momente.
52:21
Ja, und wir waren zwar nicht beim Geburtstag dabei, wir wissen nicht genau, wie die den gestaltet haben. Man kann es sich nur vorstellen, aber was wir wissen, dass die beiden seitdem unzerträglich sind. Leni und ihr Papa, die haben sich vor einem halben Jahr zum ersten Mal gesehen. Das ist jetzt, ja. Knappes halbes Jahr hin. Seitdem haben sie sich schon einige Male besucht und telefonieren ganz, ganz fleißig und viel miteinander. Also es scheint auch das Englisch kein Problem mehr zu sein. Und er kann ja auch noch ein bisschen Deutsch.
52:52
Was für Leni dabei besonders unglaublich ist, sie hat nicht nur ihren Vater kennengelernt, sondern auch in dessen Ehefrau etwas gefunden, das sie nie kannte, nämlich mütterliche Wärme, ehrliches Interesse. Und dieses Gefühl, willkommen zu sein, also da hat jemand diese Position besetzt, das finde ich total schön. Und zum ersten Mal hat sie das Gefühl, nicht nur geduldet, sondern wirklich angenommen zu werden und Familie zu sein.
53:22
Leni hat also den Papa gefunden, ja, aber eben jetzt auch dadurch richtige Eltern. So empfindet sie das und sie stehen hinter ihr, sie kümmern sich gegenseitig umeinander und Leni fühlt sich, so sagt sie das, von ganzem Herzen geliebt.
53:40
Schön, ne?
53:42
Ja, wunderschönes Ende.
53:43
Immer das beste Ende. So müsste jede Geschichte aufhören, finde ich.
53:48
Ihr könnt uns gerne schreiben, eure Gedanken zu dieser Geschichte, zum Podcast, zum Wellnesshotel, was immer ihr mögt, an info.spurlospodcast.de.
54:01
Und alle weiteren Informationen findet ihr in den Shownotes.
54:04
Genau. Silvie, vielen Dank. Es war mir ein Fest mit Ihnen. Ja, mir war es auch ein Fest. Und danke an euch fürs Zuhören. Bis ganz bald und passt aufeinander auf.
54:36
Jetzt kommt Werbung.
54:43
Stopp, stopp, stopp, stopp. Die Folge ist noch nicht vorbei. Nein, wir haben nämlich noch einen Tipp für euch. Ich bin Lynn. Und ich bin Leo. Und falls ihr jetzt noch weiterhören möchtet, also weiter Podcast-Material auf die Ohren bekommen wollt, dann haben wir die spannendsten, die verrücktesten und vor allem die gruseligsten Geschichten für euch.
55:03
Wir machen den Podcast Mord auf Ex und erzählen True Crime Stories.
55:07
Ja, das können absurde Mordfälle sein oder rätselhafte Cold Cases. Es geht um mysteriöse Sekten, um Mafia-Fälle, historische, psychologische Fälle und die größten Plot-Twists, die sich keiner ausdenken kann, außer das wahre Leben. Eine Folge, die wir gerade aufgenommen haben, ist über einen Fall, der hat mich... schon seit Jahren beschäftigt. Die Geschichte hat mich noch nie losgelassen. Und zwar ist das die von Lars Mittang. Vielleicht habt ihr davon auch schon mal gehört oder was gesehen, denn es gibt ein sehr berühmtes Video an einem Flughafen, auf dem man einen jungen Mann aus dem Gebäude rennen sieht und danach ist er einfach verschwunden.
55:44
Ihr müsst euch vorstellen, es war ein junger Mann, der ist nach Bulgarien gefahren mit seinen Freunden, wollte dort Urlaub machen, feiern, trinken, das Leben genießen und er ist spurlos verschwunden. Was dahinter steckt? Wer Lars etwas angetan haben könnte, darüber sprechen wir bei Mord of Ex.
56:00
Oder unbekanntere Fälle wie der Barfußbandit oder der Dating Game Killer, die ihr alle euch nicht entgehen lassen solltet.
56:08
Also hört jetzt rein und abonniert am besten auch den Podcast. Jeden Montag gibt es eine neue Folge überall, wo es Podcasts gibt. Viel Spaß beim Hören.
56:18
Werbung zu Ende.